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Am „Konzert der Konzerte“ 2026 steht mit Yannick Nézet-Séguin ein Quasi-Debutant am Dirigentenpult: Der zum Zeitpunkt erst 50-jährige Kanadier leitet das Neujahrskonzert der Wiener Philharominker zum ersten Mal und dürfte damit einer der jüngsten sein, die je an diesem Termin im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins vor den Augen der Welt gestanden haben. Das sind sehr schöne Neuigkeiten und verleiht dem Ganzen etwas Frische im Gegensatz zu all den zwar renommierten, jedoch eher grau-fad erscheinenden Herrschaften forgeschrittenen Alters an selber Stelle.
Der 1975 in Montréal geborene Yannick Nézet-Séguin ist musikalischer Leiter des Philadelphia Orchestra sowie der Metropolitan Opera in New York. Er wird gegenwärtig als einer der führenden Dirigenten seiner Generation gehandelt. Seit 2010 arbeitet er regelmässig mit den Wiener Philharmonikern zusammen, u. a. bei der Mozartwoche Salzburg und für Konzerte im Musikverein Wien.
Die Choreografien für die beiden Tanzeinlagen des Wiener Staatsballetts, diesmal gedreht im Museum für angewandte Kunst (MAK) und in der Hofburg, kommen vom amerikanischen Ballettdirektor John Neumeier. Eingekleidet werden die Tänzerinnen und Tänzer vom Schweizer Designer Albert Kriemler. Das Duo hat diese Aufgaben bereits einmal übernommen – für das Neujahrsonzert 2006. Getanzt wird diesmal zum Walzer „Rosen aus dem Süden“ op. 388 (im MAK) und zur „Diplomaten-Polka“ op. 448 (in der Hofburg, u.a. auf der Botschafterstiege im Schweizerhof), beides von Johann Strauss Sohn.
Zudem kommen am 1. Januar 2026 gleich zwei Werke von Komponistinnen zur Aufführung – Josephine Weinlich und Florence Price. Mit einem Walzer von Constanze Geiger hat 2025 diesbezüglich eine Premiere stattgefunden in der Geschichte der Wiener Neujahrskonzerte. Der Ruf nach einer Frau am Dirigierpult indes bleibt weiterhin ungehört.
Das Konzert bringt fünf Novitäten, die erstmals im Rahmen eines Wiener Neujahrskonzert gespielt werden. Die Werkwahl erweist sich heuer als frischer und inspirierter als in den vergangenen Jahren, insbesondere weil neben Strauss mit Joseph Lanner, Franz von Suppè und Carl Michael Ziehrer gleich drei weitere prägende Wiener Musikgrössen des 19. Jahrhunderts auf dem Programm stehen.
Am Wiener Neujahrskonzert 2026 werden gespielt:
1. Johann Strauss Sohn – Ouvertüre zu „Indigo und die vierzig Räuber“; op. 338
Mit sanftem Paukenschlag eröffnet das heurige Neujahrskonzert. 2008 war dieses Werk zum letzten Mal im Programm. Eine schöne und sehr gerechtfertigte Wahl, welche schwelgende, eingängige Melodien zitiert. „Indigo und die vierzig Räuber“ ist Strauss‘ erste aufgeführte Opertte, am 10. Februar 1871 im Theater an der Wien auf die Bühne gebracht, darauf jedoch mehrfach umgeschrieben. 1906 erschien sie als letzte und bekannteste Neufassung unter dem Namen „Tausend und eine Nacht„.
2. Carl Michael Ziehrer – Donausagen; Walzer op. 446
In diesem wundervollen, gross angelegten Konzertwalzer charakterisiert Ziehrer die Länder, welche die Donau durchfliesst. Slawische Weisen schimmern durch, genau so wie alpenländische Klänge. Nach einer Einleitung, die fast drei Minuten dauert, reihen sich wogende Walzerthemen aneinander, häufig mit Einsatz des gesamten Orchesters. „Donausagen“ wurde am Ball der Stadt Wien vom 19. Januar 1893 im Wiener Rathaus uraufgeführt und fand grossen Beifall. Der prächtige, opulent orchestrierte Walzer ist eine ausgezeichnete Wahl! (Hinweis: Nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Walzer von Julius Fučík.)
3. Joseph Lanner – Malapou-Galoppe; op. 148a
Der Vater des Wiener Walzers kommt diesmal mit seiner wohl bekanntesten Galoppe zum Zug: Lanner hat sein op. 148a (148b ist der Amazonen-Galoppe zugewiesen) nach einer Gruppe von Bajaderen aus Indien benannt, die 1839 im Theater an der Wien gastierte. Der Begriff Malapou bezieht sich auf einen Audruck des Dankes gegenüber Bounudivi, indische Göttin des Ackerbaus. Lanner führte seine Malapou-Galoppe vermutlich am 16. Januar 1840 in der „Goldenen Birn“ erstmals auf. Das rasante kleine Stück mit neckischen Dur-Moll-Wechseln ist eine schöne Antwort auf die vorangehende Nummer.
4. Eduard Strauss – Brausteufelchen; Polka op. 154
Seit Jahren erhält der jüngste der Strauss-Brüder lediglich bescheidene Ehre mit kurzen, schnellen Stücken anstatt endlich eines Walzers, von denen es in seinem Oeuvre wahrhafte Glanzstücke gibt. Wiederholt eine verpasste Chance. „Brausteufelchen“ heisst etwa so viel wie „Kleiner, wilder Teufel“. Uraufgeführt wurde die eher unspektakuläre, gewohnt rasante Polka im Rahmen von Eduard Strauss’ „Karnevals-Revue“ vom 18. Februar 1872 im Musikverein. Am selben Tag hat Eduard das Amt des k.k. Hofballdirektors von seinem Bruder Johann übernommen. Das „Brausteufelchen“ scheint nicht viel von sich reden gemacht zu haben. Es fand im Nachgang zum Konzert keine Erwähnung in der Presse. Dafür kommt es jetzt zu Ehren.
5. Johann Strauss Sohn – Fledermaus-Quadrille; op. 363
Die Quadrille ist ein Tanz mit mehreren Figuren, welche in der Regel von vier Paaren im Quadrat getanzt wird. Strauss hat aus den populärsten Motiven aus seiner Operette „Die Fledermaus“ eine solche Quadrille zusammengestellt, welche bis heute häufig zur Aufführung kommt. Das ist auf die allgemeine Beliebtheit der gewählten Melodien zurückzuführen, die zu den bekanntesten Operettenmotiven gehören.
6. Johann Strauss Vater – Karneval in Paris; Galoppe op. 100
Im Oktober 1837 reiste Strauss Vater mit seiner Kapelle für mehrere Monate nach Paris, wo er zahlreiche bejubelte Konzerte gab. Für die Maskenbälle am 27. und 28. Januar 1838 schrieb Strauss seine Galoppe „Der Carneval in Paris“ als Widmung an die schönen Pariserinnen. Strauss verschenkte allen Damen an diesen Konzerten eine Klavierpartitur des Stückes. Indes schickte er die Orchesternoten an seinen Verleger in Wien, wo die Galoppe am 12. Februar 1838 unter grossem Beifall aufgeführt wurde. Das flotte Stück vereint französische Galanterie und deutsche Gemütlichkeit, wie ein Rezensent feststellte. Fesch und resch verklingt der erste Teil des Konzerts.
—-PAUSE—-
Der traditionelle Pausenfilm in diesem Jahr, „Der Zauber der Kunst“, widmet sich der vorderhand der Sammlung der Albertina, die 2026 genau 250 Jahre alt ist. Mit einem Stück von Fritz Kreisler kommt auch das älteste Kaffeehaus Wiens, das Frauenhuber, zu Ehren.
7. Franz von Suppè – Die schöne Galathée, Ouvertüre
Suppè war ein Meister der Ouvertüren. Es ist bedauerlich, dass nur wenige seiner Bühnenwerke der Vergessenheit entronnen sind. Ein Grossteil kommt kaum mehr zur Aufführung – bis eben auf die Eröffnungsmusik. Die Ouvertüre zur Operette „Die schöne Galathée“ ist ein brillantes Werk, das mit seinem Abwechslungsreichtum überzeugt. Das Stück erzählt die Geschichte des Bildhauers Pygmalion, der sich in seine eigene Statue verliebt. Diese wird von der Göttin Venus zum Leben erweckt. Als die nun lebendige Galathée sich jedoch als eitel und leichtsinnig erweist, wünscht sich Pygmalion bald, sie wäre wieder aus Stein.
8. Josephine Weinlich – Sirenen Lieder; Mazurka op. 13
Das Programm 2026 knüpft an demjenigen vom Vorjahr an, als mit einem Walzer von Constanze Geiger zum ersten Mal in der Geschichte des Wiener Neujahrskonzertes die Komposition einer Frau aufgeführt worden ist. Josephine Weinlich war eine respektable Tonkünstlerin und trug die Wiener Musik mit ihrer Damenkapelle erfolgreich in die weite Welt hinaus. Dass ihr musikalisches Erbe nahezu vergessen ist, darf man zu Recht bedauern. Umso erfreulicher, wenn man nun in den Genuss einer Musikperle kommt, die lange Zeit in den Archiven geschlummert hat. Eine Idee davon, wie „Sirenen Lieder“ in etwa klingt, gibt folgendes Video (mittels KI erstellt):
9. Josef Strauss – Frauenwürde; Walzer op. 277
Mit diesem Walzer eröffnete das Wiener Neujahrskonzert von 1951. Für den Juristenball vom 30. Januar 1870 in den Reoutensälen der Hofburg schrieb Strauss diese Komposition vermutlich als subtilen Hinweis auf die vernachlässigten Rechte der Frauen und deren Stellung in der männerdominierten Gesellschaft. Die angehenden Juristen, Advokaten und Rechtsanwälte sollten diesen Gedanken mit ins Berufsleben nehmen. Josef Strauss war das ein grosses Anliegen. Er respektierte und wertschätzte die Frauen. Die Ehe mit seiner Gattin Caroline war eine glückliche bis zum frühen Tod des Komponisten fünf Monate nach Uraufführung des Walzers, der hier in diesem Programm einen verdienten, würdigen Platz hat.
10. Johann Strauss Sohn – Diplomaten-Polka; op. 448
Diese gemächliche, eher unaufgeregte Rarität stammt aus Strauss‘ später, heute weitgehend vergessenen Operette „Fürstin Ninetta“ – am 10. Januar 1893 in Wien uraufgeführt im Theater an der Wien. Mit „Ritter Pásmán“ hatte Strauss im Jahre 1892 versucht, Fuss in der Welt der Oper zu fassen, was jedoch gescheitert war. Nach diesem Misserfolg wandte er sich wieder der Operette zu. Strauss bekam das Libretto von Julius Bauer und Hugo Wittmann zu „Fürstin Ninetta“ nur partiell vorgelegt, ohne die gesamte Handlung der Operette zu erfahren, denn die Librettisten wollten verhindern, dass die Synopsis noch vor der Uraufführung bekannt werden sollte. Strauss machte sich deshalb nur mit geringer Motivation ans Werk. Dennoch war sein Einfallsreichtum noch immer befruchtet von seiner misslungenen Mission, ein Opernkomponist zu werden. Dies zeigt sich auch in der „Diplomaten-Polka“. Der Name der Komposition bezieht sich auf die Operettencharaktere Baron Mörsburg. Er ist ein Diplomat mittleren Alters, welcher Fürstin Ninetta mit Geschick zu ihrem rechtmässigen Erbe verhilft. Die „Diplomaten-Polka“, 2006 zum letzten Mal im Rahmen des Neujahrskonzertes gespielt, ist als Orchesterverion am 26. Febraur 1893 unter der Leitung von Eduard Staruss im Wiener Musikverein uraufgeführt worden. Das Ballettensemble tanzt dazu im Museum für Angewandte Kunst.
11. Florence Price – Regenbogenwalzer
Die Amerikanerin ist die zweite Komponistin im Bunde und zeitlich, musikalisch wie geografisch die „Odd-one-out“. Musiktheoretisch hat Florence Price (1887-1953) mit der Wiener Tanzmusik des 19. Jh. kaum etwas gemein, höchstens in gesellschaftlicher Hinsicht. Sie übersetzte populäre, rhythmisch vitale Musik in den Rahmen klassischer Formen – und tat somit genau das, was Strauss und seine Zeitgenossen für Wien taten: Price hat dies für das afroamerikanische Erbe in den USA geleistet. In ihrem „Rainbow Waltz“ klingen romantische Themen an mit Harmonien und Rhythmen, die man unter anderem im Ragtime wiederfindet. Dirigent Nézet-Séguin sagt von sich, er sei schon immer ein „Fürsprecher“ von Florence Price gewesen, weshalb er ihr hiermit die Gelegengeit geben wolle, Eingang in dieses traditionelle Wiener Ereignis zu finden.
12. Hans Christian Lumbye – Kopenhagener Eisenbahn-Dampfgalopp
Es ist eine grosse Ehre für den „Strauss des Nordens“, wiederholt an einem Wiener Neujahrskonzert gespielt zu werden. Der autodidakte Däne hat in seinen Werken oft – wie es schon Strauss Vater gelegentlich pflegte – nicht-musikalische Klänge mit einbezogen, was etwa bei seinem Champagner-Galopp (Neujahrskonzert 2010) zum Ausdruck kommt. In seiner Dampfbahn-Galoppe imitiert Lumbye das Geräusch einer Lokomotive, die von einem Bahnhof zum nächsten fährt, inklusive Schaffnerpfeifen und Signalglocken. Es ist als Ausdruck einer Faszination für die fortschreitende Technik zu verstehen. Zahlreiche Komponisten jener Zeit haben das Eisenbahn-Thema aufgegriffen. Lumbyes lebendige „Kjöbenhavns Jernbane-Damp-Galop“ ist am 29. Juni 1847 im Tivoli in Kopenhagen zum ersten Mal aufgeführt worden.
13. Johann Strauss Sohn – Rosen aus dem Süden; op. 338
Ein Klassiker und einer der einfalls- und melodienreichsten Konzertwalzer Strauss‘. Für ein Neujahrsonzert auf den ersten Blick eher uninspiriert, da schon x-fach präsentiert, jedoch braucht’s als Ausgleich auch die „Gassenhauer“. Details zum Walzer hier. Es wird die zweite Balletteinlage eingespielt.
14. Johann Strauss Sohn – Egyptischer Marsch; op. 335
Als sich Strauss in den Sommermonaten 1869 wieder im russischen Pawlowsk aufhielt, schrieb er einen Marsch mit orientalischen Motiven, uraufgeführt vor Ort am 6. Juli. Obwohl der Komponist je weder in Ägypten noch sonstwo im nahen Osten gewesen war, gelang es ihm, den Charakter dieser fremden Musik zu transportieren. Er baute eine Passage ein, die vom Orchester gesanglich begleitet wird, wenn auch lediglich mit den Silben „La la“. Strauss‘ „Egyptischer Marsch“ ist die Hommage an ein Jahrhundert-Bauwerk: Wenig später, am 17. November 1869, wurde der Suezkanal seiner Bestimmung übergeben.
15. Josef Strauss – Friedenspalmen; Walzer op. 207
Erst 2014 war dieser Walzer im Programm des Neujahrskonzertes. Sein Intro steigt geheimnisvoll und harmonisch wie aus dem Nichts empor. Zwar zählt op. 207 nicht zu Josefs grössten Meisterwerken, überzeugt aber durch einige hinreissende Passagen. Die eher ernste Stimmung des Walzers hat historische Gründe: Strauss komponierte ihn im Herbst 1866, kurz nach schweren Kriegsniederlagen der Donaumonarchie – Festlaune herrschte keine. Der Titel „Friedenspalmen“ erklärt sich somit von selbst. Die Uraufführung fand am 18. November 1866 im Volksgarten im Rahmen eines Benefizkonzertes statt.
Zugabe: Philipp Fahrbach der Jüngere – Zirkus, Polka op. 110
Mit Philipp Fahrbach dem J¨üngeren hält eine weitere Besonderheit Einzug in die Reihe der Wiener Neujahrskonzerte: Vom Sohn des in Wien bekannteren gleichnamigen Komponisten Fahrbach Vater ist noch nie ein Stück in diesem Rahmen aufgeführt worden. Fahrbach Junior war zwar ein echtes Wienerblut, sein Name jedoch war in Paris bekannter als in seiner Heimatstadt. „Zirkus“ ist eine rasante, fröhliche Polka, die gute Laune pur verbreitet und mit viel Wiener Schmäh daherkommt. Eine passende Wahl zum Schluss.
–––– Ende des offiziellen Programms ––––
Es folgen die traditionellen weiteren Zugaben An der schönen, blauen Donau, Walzer op. 314, von Johann Strauss Sohn und der Radetzky-Marsch, op. 228, von Johann Strauss Vater.
Das Neujahrskonzert 2027 wird vom russischstämmigen Tugan Sokhiev dirigiert.
Weitere kommentierte Programme:


Wieder vielen Dank für die tolle Vorstellung des Programms!