1. Bezirk, Graben

Die Pestsäule am Graben in Wien erinnert an die verheerende Pestepidemie von 1679. Aus einem hölzernen Notdenkmal entstand bis 1693 ein monumentales Meisterwerk des Barock. Seine aufwendige Gestaltung erzählt von kaiserlicher Macht, tiefem Glauben und der Überwindung einer tödlichen Seuche.
Wien wurde mehrmals von der Pest heimgesucht. Die schlimmste Epidemie erlebte die Kaiserstadt im Jahr 1679, als innerhalb kurzer Zeit Tausende Menschen der Seuche zum Opfer fielen. Der Stadtrat beschloss deshalb gemeinsam mit einer geistlichen Bruderschaft die Errichtung einer sogenannten Pestsäule, die der Heiligen Dreifaltigkeit und den Neun Chören der Engel geweiht werden sollte. Sie war als Ort der Fürbitte zur Abwendung der Seuche gedacht. Ursprünglich sollte die Pestsäule auf dem ehemaligen Friedhof der Peterskirche errichtet werden, schliesslich entschied man sich jedoch für den Graben.

Da die Pest unaufhaltsam weiterwütete und die Zeit drängte, entschied man sich zunächst für eine hölzerne Säule, mit deren Ausführung der Bildhauer Johann Frühwirth beauftragt wurde. Dieser orientierte sich an bestehenden Gedenksäulen mit der Heiligen Dreifaltigkeit in Gestalt des Gnadenstuhls: Gottvater, der gekreuzigte Christus und der Heilige Geist in Form einer Taube. Dieses in Österreich besonders verbreitete Motiv hat seinen Ursprung in der Basilika Sonntagsberg bei Waidhofen an der Ybbs. Frühwirths Darstellung der Neun Chöre der Engel bestand aus neun grossen Engelsfiguren, die sich um eine korinthische Säule gruppierten. Im Inneren des Sockels sollte eine Öllampe brennen.
Am 27. Oktober 1679 war die hölzerne Pestsäule vollendet und wurde aufgerichtet. Männer in Büsserkleidung trugen die einzelnen Figuren vom Alten Rathaus an der Wipplingerstrasse zum Graben und brachten sie an der Säule an. Zwei Tage später wurde das neue Monument vom Abt des Schottenklosters eingeweiht.
Kaiser Leopold I. und sein Gelübde

Nachdem die Pest erloschen war, fand am 17. Juni 1680 an der Pestsäule ein feierliches Dankesfest statt, bei dem der Augustiner Abraham a Sancta Clara seine Rede «Danck und Denckzahl» hielt. Kaiser Leopold I. hatte bereits am 18. Oktober 1679, als die Pest am schlimmsten wütete, gelobt, ein Denkmal aus Marmor zu stiften. Zunächst war vorgesehen, die hölzerne Pestsäule in Stein nachzubilden, doch dieser Plan wurde wieder verworfen. Nach einem zweiten Gelübde des Kaisers im Jahr 1682 griff man das Vorhaben erneut auf und beauftragte den Bildhauer Matthias Rauchmiller mit der Neugestaltung der Säule. Die dafür benötigten Marmorblöcke wurden aus Salzburg herangeschafft. Rauchmüller starb jedoch 1686, als die bildhauerischen Arbeiten noch in vollem Gange waren. Zu diesem Zeitpunkt waren lediglich das dreiflügelige Podest der Säule und drei grosse Engelsfiguren vollendet.
Lange Bauzeit, bildstarke Symbolik
Die feierliche Grundsteinlegung für die neue Säule vollzog Kaiser Leopold I. am 30. Juli 1687. Seit der Türkenbelagerung vier Jahre zuvor waren die Staatskassen allerdings weitgehend erschöpft. Mautabgaben und Opfergelder sollten zur Finanzierung beitragen. In den folgenden Jahren verbesserte sich die wirtschaftliche Situation der Stadt deutlich. Mehrere Neuplanungen der Säule führten jedoch zunächst zu keinem Ergebnis.
Schliesslich unterbreitete der Architekt Johann Bernhard Fischer von Erlach dem Baukomitee einen Gestaltungsvorschlag für eine Dreifaltigkeitssäule, wie es sie bis dahin noch nicht gegeben hatte. Das bereits vollendete Podest sollte nicht lediglich als Basis für neun Engel dienen, sondern als eigenständiges Element in die Gesamtarchitektur einbezogen und mit zwölf Reliefs versehen werden, die Fischer von Erlach selbst entwarf. 1693 war die Wiener Pestsäule am Graben schliesslich fertiggestellt und konnte geweiht werden.
Die Pestsäule ist als monumentaler Triumph des Glaubens über die Seuche konzipiert. Im unteren Bereich verkörpert eine alte Frau die besiegte Pest, während Kaiser Leopold I. kniend um göttlichen Beistand bittet. Darüber erhebt sich eine von Engeln bevölkerte Wolkenpyramide, die in der Darstellung der Heiligen Dreifaltigkeit gipfelt. Zugleich verbindet das Denkmal religiöse Symbolik mit habsburgischer Herrschaftsrepräsentation.
Untersberger Marmor und Restaurierungen

Der Kern der Säule besteht aus Ziegelmauerwerk, während die übrigen Teile aus Untersberger Forellenmarmor gefertigt sind, einem dichten Kalkstein mit rötlichen Einschlüssen. Einzig die kniende Figur Kaiser Leopolds I. besteht aus einem anderen Gestein, dem kristallinen Laaser Marmor aus Südtirol. Seit der Fertigstellung der steinernen Pestsäule sind fünf umfassende Restaurierungen bekannt. 1886 wurde die Wolkenpyramide mit einem sogenannten Stockhammer bearbeitet. Diese ungeeignete Methode führte zu einer Reduktion der Oberfläche und zu Beschädigungen des Steingefüges.
Bei der Restaurierung im Jahr 1981 kamen die damals neuesten Erkenntnisse der Gesteinserhaltung zur Anwendung. Luftverschmutzung, saurer Regen, Taubenkot sowie Witterungseinflüsse wie Frost und Hitze hatten der Pestsäule zugesetzt. Die Oberfläche wurde gereinigt, Risse und Gesteinsdefekte wurden sorgfältig repariert und das gesamte Monument hydrophobiert. Die verwitterten Attribute aus Metall erhielten eine Blattvergoldung. 2005 wurde die Pestsäule erneut einer Restaurierung unterzogen.
→ Weiterführende Themen
• Wiener Prachtbauten und Monumente – die Opulenz der Repräsentation
• Wien in Wort und Bild – grosser Streifzug durch Wiens Sehenswürdigkeiten
• Die Wiener Palais – eine Sammlung von Hunderten Residenzen

