Palais Ehrbar

4. Bezirk, Mühlgasse 28-30

planet-vienna, das palais ehrbar in wien

Ein Palais auf der Wieden, einst Bühne für Brahms und Mahler, später „arisiert“ und fast vergessen – bis eine Erbin Jahrzehnte später zurückkehrt. Die Geschichte des Palais Ehrbar erzählt von Glanz, Bruch und einem erstaunlichen zweiten Leben im Licht der Kunst.


Das elegante Gründerzeithaus Mühlgasse 28/30, dessen reich verzierte Fassade in warmem Gelbton gehalten ist, ist nach dem k.k. Hof- und Kammer-Klavierfabrikanten Friedrich Ehrbar benannt. Im Jahr 1867 liess dieser hier nach den Entwürfen von Julius Schrittwieser einen Konzertsaal im Stil der Neorenaissance einrichten – dazugehörig ein kleiner Kammersaal. In den folgenden Jahren konzertierten im Palais Ehrbar bedeutende Musiker wie Anton Rubinstein, Joseph Joachim, Johannes Brahms, Anton Bruckner, Pietro Mascagni, Joseph Hellmesberger, Max Reger, Ignaz Brüll, Arnold Schönberg oder Gustav Mahler. Im Februar 1905 verstarb Friedrich Ehrbar.

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Um 1911 wurde das Innere des Palais nach Plänen von Ferdinand Franz Berehinak umgestaltet, wobei auch das Erscheinungsbild des Konzertsaals Veränderungen erfuhr. Dennoch blieb der Grossteil seiner ursprünglichen Gestaltung erhalten. Während des Ersten Weltkriegs wurde das Palais zweckentfremdet – der Konzertsaal diente als Tischlerei und Lazarett. 1919 wurde das Palais verkauft. 1938 war der Juwelier Kurt Steinitz Besitzer der Liegenschaft. Nach dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich floh der jüdische Eigentümer nach Südamerika, und das Palais Ehrbar wurde durch den Gestapo-Vertrauensanwalt Stefan Lehner „arisiert“.

planet-vienna, der ehrbar-saal in wien
Der grosse Ehrbar-Saal

Nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgte die originalgetreue Wiederherstellung des Saals, die mit einem feierlichen Konzert der Wiener Philharmoniker unter der Leitung von Rudolf Moralt abgeschlossen wurde. Ab den 1970er-Jahren ist der rund 400 Personen fassende Saal zunehmend in den Hintergrund der Wiener Musikszene gerückt. Er wurde hauptsächlich für Konzerte des bis 2020 im Palais Ehrbar ansässigen Konservatoriums Prayner genutzt. Im Folgejahr übernahm der Klavierhersteller C. Bechstein die Räumlichkeiten des Palais. Nach einer umfassenden Generalsanierung wurde der Ehrbar-Saal wieder als eigenständiger Konzertort belebt. Gleichzeitig werden die ehemaligen Übungsräume des Konservatoriums seither als Proberäume unter der Marke MusikQuartier genutzt und vermietet.

Trivia

Die Ehrbar-Enkelin als einflussreiche Mäzenatin

Erwähnenswert im Zusammenhang mit dem Palais Ehrbar ist die Biografie von Friedrich Ehrbars Enkelin Editha (1901–1980), die als Schlüsselfigur für die später bedeutendste Sammlung der Wiener Moderne ausserhalb Österreichs gelten kann. Im Mai 1923 heiratete sie in der Wiener Karlskirche den Advokaten Walter Kolbe; aus der Ehe ging ein Sohn, Hellmuth, hervor. Bereits 1931 wurde die Verbindung geschieden. In der Folge übersiedelte Editha Ehrbar mit ihrem Sohn in die Schweiz, wo sie den Kunstsammler und Mäzen Fritz Kamm kennenlernte. Sie heirateten 1932, und das Paar liess sich in Zug nieder.

Dort begann sich allmählich jenes Netzwerk zu formen, aus dem die spätere Sammlung Kamm hervorging. Fritz Kamm brachte nicht nur wirtschaftliche Erfahrung aus seiner Tätigkeit als Devisenhändler in Wien und Berlin mit, sondern auch enge Verbindungen zur Kunstszene, die er seit den 1910er Jahren gepflegt hatte. Prägend wurde insbesondere die Bekanntschaft mit dem österreichischen Bildhauer Fritz Wotruba.

Als Wotruba 1938 infolge der politischen Verhältnisse nach dem Anschluss Österreichs gemeinsam mit seiner jüdischen Ehefrau in die Schweiz emigrierte, fand er in Zug einen wichtigen Aufenthaltsort. Zwischen ihm und dem Ehepaar Kamm entwickelte sich eine enge persönliche und künstlerische Verbindung. Wotruba wurde zu einer zentralen Inspirationsfigur und prägte die Hinwendung der Kamms zur modernen Kunst entscheidend.

Nach dem Zweiten Weltkrieg erhielt dieses Engagement eine neue Dimension. Aus der privaten Sammelleidenschaft erwuchs ein bewusst kulturpolitisches Anliegen: Gemeinsam mit Wotruba setzten sich die Kamms für die Wiederentdeckung und Neubewertung der Wiener Moderne ein, die in Österreich lange Zeit verdrängt oder politisch belastet gewesen war. In diesem Zusammenhang kommt dem Erwerb der Galerie Würthle im Jahr 1953 besondere Bedeutung zu, die bis 1965 unter der Leitung Wotrubas stand.

Die Sammlung Kamm entwickelt sich

Mit dem Kauf der traditionsreichen Galerie in der Wiener Weihburggasse schuf Fritz Kamm einen Ort, an dem die zuvor marginalisierte Kunst der Jahrhundertwende wieder sichtbar gemacht und neu kontextualisiert werden konnte. Die Galerie fungierte fortan als Bindeglied zwischen Wien und Zug: Einerseits trug sie zur kulturellen Rehabilitation der Wiener Moderne bei, andererseits bildete sie die zentrale Grundlage für den Ausbau der Sammlung in der Schweiz.

planet-vienna, das kunsthaus zug
Das Kunsthaus Zug

In den 1950er-Jahren tätigten Fritz und Editha Kamm über die Galerie Würthle einen Grossteil ihrer bedeutendsten Ankäufe. Auf diese Weise gewann die Sammlung ein klares Profil und entwickelte sich zur wichtigsten Kollektion der Wiener Moderne ausserhalb Österreichs. Gleichzeitig blieb sie in Zug verankert – zunächst als privater Bestand, der zunehmend institutionellen Charakter annahm. Nach dem Tod von Fritz Kamm im Jahr 1967 wurde die Sammlung von den Kindern, insbesondere von Peter und Christina Kamm, weitergeführt und erweitert. Aus der persönlichen Initiative eines Sammlerpaares war damit ein kulturelles Erbe von überregionaler Bedeutung entstanden, geprägt von biografischen Verflechtungen zwischen Wien und Zug sowie von den Umbrüchen des 20. Jahrhunderts. Seit 1990 befindet sich die Sammlung als Dauerleihgabe im Kunsthaus Zug.

Zur¨ück zu den Wurzeln

Bereits zuvor hatte sich Editha „Dita“ Kamm nochmals dem Familienerbe in Wien zugewandt: Im April 1951 wurde das Palais Ehrbar an der Mühlgasse versteigert. Die Liegenschaft war nach dem Krieg Gegenstand eines Restitutionsverfahrens gewesen, in dessen Folge der rechtmässige Eigentümer zwar anerkannt wurde, jedoch nicht in der Lage war, die finanziellen Bedingungen zur Rückübernahme zu erfüllen. Dadurch gelangte das Palais erneut zum Verkauf.

An der Auktion beteiligte sich auch Editha Kamm-Ehrbar. In einem kleinen Bieterkreis erhielt sie schliesslich den Zuschlag für 270’050 Schilling – offenbar getragen vom Wunsch, ein Stück Familiengeschichte zurückzuerwerben. In der Folge blieb die wirtschaftliche Nutzung des Gebäudes jedoch herausfordernd: Aufgrund niedriger Mieteinnahmen wurden die Ehrbar-Säle vermehrt für Veranstaltungen genutzt, um die Rentabilität zu sichern.


planet-vienna, Ehrbar-Grab auf dem Grinzinger Friedhof
Ehrbar-Grab auf dem Grinzinger Friedhof