10. Bezirk, Reumannplatz 23

Wer heute im Amalienbad seine Bahnen zieht, schwimmt durch ein Stück Wiener Geschichte. Als das monumentale Bad am Reumannplatz 1926 eröffnet wurde, war es weit mehr als eine Badeanstalt: Es war ein selbstbewusstes Symbol des „Roten Wien“ – modern, prachtvoll und für die breite Bevölkerung gebaut. Seine Geschichte erzählt von Architektur, Schwimmkultur und dem sozialen Wandel Wiens.
Nach Ende des Ersten Weltkrieges rückte die allgemeine Volksgesundheit zunehmend in den Fokus der Stadt Wien. Die Wohnungen des Mittelstandes und insbesondere der ärmeren Bevölkerungsschichten verfügten nur in seltenen Fällen über eigene Bäder. Auch in den bestehenden Gemeindebauten mangelte es an Nasszellen zur regelmässigen Körperpflege. 1919 startete der Wiener Gemeinderat als das Volk vertretende Instanz ein so genanntes „Bäderprogramm“, im Rahmen dessen auf städtischem Gebiet mehrere öffentliche Bade- und Hygieneanstalten errichtet werden sollten.
Das grösste und schönste dieser neuen Bäder entstand ab 1923 in Favoriten auf einer bis dahin unbebauten Brache am so genannten „Bürgerplatz“, der 1925 in Reumannplatz umgetauft wurde. Die Pläne für den repräsentativen Neubau – mit dem 1914 eröffneten Jörgerbad in Hernals als Vorbild – stammten von den Architekten Karl Schmalhofer und Otto Nadel. Namensgeberin des Bades war die Sozialdemokratin Amalie Pölzer (1871-1924), die 1919 in Favoriten als erste weibliche Person in den Gemeinderat gewählt worden war. Die Widmung sollte bewusst keiner Person aus Adelskreisen gelten, wie es zuvor in Wien gang und gäbe gewesen war. Man hat sich für eine Vertreterin des Volkes entschieden, eine arbeitende Frau, die für ihre Volksnähe, ihren Einsatz und ihr Engagement für das Proletariat viel Respekt und hohes Ansehen genoss.

Für bis zu 1300 Menschen ausgelegt
Entstanden ist ein monumentaler Bau mit kantiger Silhouette, symmetrischer Schaufassade und einem zentralen Uhrturm. Herzstück war die 14 Meter hohe Schwimmhalle mit Sportbecken, Sprungturm und Kinderbecken sowie einem Glasdach, welches sich öffnen liess (heute fixiert). Der Komplex beherbergte zudem Räume für besondere Körperbehandlungen wie Schlammbäder und Kurtherapien sowie separierte Wannenbäder und Luftbäder auf dem Dach. Das neue Amalienbad galt mit seiner Konzeption für bis zu 1300 Besucherinnen und Besucher gleichzeitig als die seinerzeit grösste und modernste Badeeinrichtung Europas.


Die feierliche Eröffnung des neuen städtischen Amalienbades erfolgte am 8. Juli 1926 nach rund drei Jahren Bauzeit. Es war ein grosser vom Sozialismus geprägter Festakt, an dem das einfache Wiener Arbeitervolk in Scharen teilnahm. Die ganze Favoritenstrasse und der Reumannplatz waren mit roten und rot-weissen Fahnen beflaggt und reich geschmückt. Der eigentliche, musikalisch reich begleitete Festakt mit Rednerbühne und geladenen Gästen ging auf dem Platz vor dem Eingang vonstatten. Die frenetisch bejubelte Hauptrede hielt Bürgermeister Karl Seitz (Rede im Wortlaut siehe unten). Im Anschluss war das gesamte Volk eingeladen, das neue Amalienbad von innen zu besichtigen.


Die Tarifgestaltung war bewusst sehr volksgerecht gehalten, sprich so niedrig wie möglich, so dass sich selbst die Bevölkerungsschicht mit dem niedrigsten Einkommen einen Eintritt leisten konnte. Im Gegensatz zu privat geführten Badeanstalten herrschte in städtischen Anlagen wie dem Amalienbad ein ausdrückliches Verbot, Trinkgeld entgegenzunehmen, was wiederum zum Vorteil der wenig zahlungskräftigen Gäste war. Der Durchschnittslohn von Mitarbeitenden in städtischen Anlagen war zudem signifikant höher als in privaten Einrichtungen üblich war. Im Amalienbad gab es überdies ein Rabattsystem: Fünf Eintritte, die innerhalb von zwei Monaten aufzubrauchen waren, erhielt man für einen deutlichen Preisnachlass im Vergleich zu Einzeleintritten.


Ästhetik und Zweckmässigkeit im Einklang
Die architektonische Gestaltung des Bades im Art-Déco-Stil vereinte Schönheit und Ästhetik mit Zweckmässigkeit – die Fassade ist mit mehreren überlebensgrossen Figuren besetzt. Vor allem bei der Ausstattung von Eingangsbereich, Vestibül und der grossen Schwimmhalle setzte man gezielt auf Ornamentik und kostbare Materialien. Insbesondere zu erwähnen sind die qualitätvollen verfliesten Wände mit einer Gesamtfläche von rund 24’000 Quadratmetern. Sie sind die Arbeit der Keramikwerkstätten der Brüder Schwadron.
Im Zweiten Weltkrieg wurde das Amalienbad beschädigt und im Anschluss stark vereinfacht wieder instand gesetzt. 1979 bis 1986 erfolgte eine umfassende Sanierung. Das Amalienbad birgt heute neben der grossen Schwimmhalle auch Saunalandschaft, Brausebad und Sonnenbad. Das grosse Sportbecken ist 33,5 mal 12,5 Meter gross und maximal fast 5 Meter tief. Ein Spa-Bereich und Gastronomie ergänzen das Angebot. Das Gebäude beherbergt heute zudem ein Ambulatorium für physikalische Therapie sowie die für die Wiener Bäder zuständige Magistratsabteilung 44.
Die Eröffnungsrede von Bürgermeister Karl Seitz:

Ich folge gern dem Rufe, das Amalienbad nicht nur, wie schon Bezirksvorsteher Sigl gesagt hat, dem Volk von Favoriten, sondern dem Volk von ganz Wien zu übergeben. Man hat gerade über dieses Bad sehr viel geredet und geschrieben und bei aller Anerkennung der Grösse, der Monumentalität und der Schönheit, die in diesem Bau liegen, doch auch manches kritische Wort eingeflochten. Man hat uns vor allem gesagt, warum baut man dieses Bad weit draussen in einem Proletarierbezirk? Man hat darauf verwiesen, dass die Umgebung nicht ganz passend sei, dass das Bad nicht in den Rahmen der Bauten aus einer alten Zeit gehöre, die gewiss auch im allgemeinen nicht ästhetischen Ansprüchen genügen, selbst dem Auge, das gewohnt ist, historisch zu denken, historisch zu sehen und die Dinge nach der damaligen Bedeutung zu beurteilen. Warum baut ihr dieses Bad hier? … fragt man.
Ja, just in diesem Proletarierbezirk haben wir dieses Bad gebaut. Wir haben das Bad hier gebaut, um inmitten dieser Häuser, die wirklich den ästhetischen Empfindungen der heutigen Zeit nicht mehr entsprechen, doch ein Stück Schönheit aufzubauen, das unserer Zeit und hoffentlich auch einer langen fernen Zukunft entspricht.
Hier in diesem Proletarierbezirk haben wir das Bad gebaut, weil wir wollen, dass Körperkultur in die breitesten Massen des Volkes dringe. Es soll hier deutlich gezeigt werden, dass der Mensch, insbesondere der arbeitende Mensch der Luft, des Lichtes und des Wassers bedarf. Wir alle haben ja noch eine Zeit erlebt, in der das Baden sozusagen noch ein Luxus war. Manche Leute hängen noch heute mit ihrem Herzen an dieser Zeit. Wir haben es erlebt, dass man in Wien in den Wohnungen gar keine, in den Bezirken nur hin und da Bäder hatte. Die heutige Zeit soll auch hier Wandel geschaffen. Unsere Jugend, die schon freudig darauf wartet, in das grosse, schöne Bassin dieses Bades zu kommen, lernt schon in der Schulstube die Bedeutung des Wassers für den Körper erkennen, sie lernt, dass der Mensch, der seinen Körper pflegt, auch gesünder und stärker ist. Ja, Kraft und Energie, Elastizität und Seelenkraft kennzeichnen den Typus jenes Menschen, den wir in Wien heranbilden wollen, der uns aus dem Elend von heute befreien soll.
Wir stehen vor einem Bad der Schönheit, der Grösse und der Zweckmässigkeit. Wir haben dieses Haus dem Andenken unserer Freundin und Mitarbeiterin, der uns leider viel zu früh verstorbenen Gemeinderätin Amalie Pölzer gewidmet. Diese Frau, die in der Erinnerung, insbesondere des Favoritner Proletariats, immer fortleben wird, diese Frau der Güte, der Liebe, der Hilfsbereitschaft, diese edle Frau, sie hatte es verdient, ein dauerndes Denkmal zu bekommen. Ein solches Denkmal hätte aber nur einen Teil ihres Wirkens zum Ausdruck gebracht, die hingebende Frau, die Beschützerin der Massen, die Helferin der Armen. Es wäre daher nicht vollständig gewesen. Denn Amalie Pölzer war vor allem auch eine Frau der klugen Vernunft, für die Zukunft und des harten Wollens, eine bessere Zukunft aufzubauen, die Not und Elend nicht mehr kennt. Weil wir also ihr ganzes Wirken zum Ausdruck bringen und ihr immer im Gedächtnis halten wollen, haben wir dieses monumentale Bad ihrem Andenken geweiht und nach ihr benannt.
Wir übergeben das Amalienbad der allgemeinen Benützung. Mögen die Alten und Kranken, die hier die Heilbäder aufsuchen, Gesundheit finden, mögen die Gesunden sich hier stärken nach harter Arbeit, möge vor allem die Jugend in diesem Hause Schönheit, Gesundheit und Kraft gewinnen.
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