9. Bezirk, Liechtensteinstrasse 53

Ein illustrer Industriepionier, ein repräsentativer Wohnsitz – und ein spektakulärer Kunstraub: Das Palais Kranz erzählt die Geschichte von Josef Kranz, der als Grossunternehmer Geschichte schrieb. Doch Ruhm, Reichtum und Kunstsammlung endeten im wirtschaftlichen Absturz.
Erbaut wurde das auf drei Seiten freistehende Gebäude um 1874 von Ignaz Drapala. Eigentümer des Palais war der Grossindustrielle und Advokat Josef Kranz, eine stadtbekannte Persönlichkeit. Kranz war massgeblich an der Industrialisierung Bosnien-Herzegowinas beteiligt, gründete Fabriken unter anderem in den Bereichen Ammoniaksoda-, Petroleum-, Kalziumkarbid-, Chlorkalk- und Ätznatronherstellung.
1911 gründete Kranz das Spirituskartell, in welchem er die gesamte landwirtschaftliche Alkoholherstellung der Monarchie zusammenführte. Kranz präsidierte das Kartell bis zum Ende des Habsburgerreichs als ehrenamtlicher Präsident. Im Palais installierte Kranz die sogenannte Spirituszentrale, eine dem Finanzamt unterstellte staatliche Abteilung. In den Jahren 1913 und 1914 liess Josef Kranz vom Architekten Friedrich Ohmann die Fassade neu gestalten. Er verwendete barockisierende Elemente des Jugendstils. Über den zwei Portalen liegen eingeschossige Erker, darüber jeweils ein Balkon mit Gittergeländer. Das Parterre ist durchgehend gebändert, das erste Obergeschoss nur bis zur jeweils zweiten seitlichen Fensterachse. Die Seitenfassade verfügt über einen zweigeschossigen überdachten Erker.
Ein aufsehenerregender Kunstraub
Das Palais Kranz war beliebter Treffpunkt der Wiener Gesellschaft. Der Hausherr war zudem leidenschaftlicher Kunstsammler und bewahrte seine kostbare Sammlung von Gemälden, Möbeln, Bronzen, Majolika und Tapisserien im Palais auf. Im Frühjahr 1915 geriet das Palais in die Medien, nachdem in der Nacht auf den 27. Februar sieben kleinformtige Tafelbilder im Wert von über einer Viertelmillion Kronen aus der Sammlung gestohlen worden waren. Es fehlten ein Madonnenbildnis von Lucas van Leyden, „Die Rückkehr von der Jagd“ und eine Marine-Szene von Eugène Isabey, eine Marktszene in Sevilla von Francisco Pradilla, zwei Marktszenen von August von Pettenkofen und „Das ländliche Tanzfest“ von Jean-Baptiste Pater.
Die Ermittlungen ergaben schnell, dass nur jemand die Bilder entwendet haben kann, der sich im Haus auskannte. Wenige Tage später wurden die gestohlenen Bilder gefunden – in einem Haus an der Hackenberggasse in Sievering. Die Hausmeisterin Eleonore Attensam hatte sie in einer Kiste im Keller entdeckt. Bei den Ermittlungen geriet Frau Attensams 19-jährige Tochter Helene in Verdacht, die an der Simon-Denk-Gasse, unweit des Palais Kranz, wohnte und am Tag nach dem Diebstahl ihre Mutter in Sievering besuchte.
Die Polizei fand heraus, dass Helene ein Liebesverhältnis mit einem 27-jährigen Kammerdiener aus dem Alsergrund pflegte, der wegen Diebstahls bereits einmal eine 10-monatige Kerkerhaft verbüsst hatte – und im Jahre 1913 für kurze Zeit im Palais Kranz angestellt gewesen war. Das Paar wurde daraufhin verhaftet.
Josef Kranz‘ wirtschaftlicher Niedergang
Während des Ersten Weltkrieges wurde Josef Kranz festgenommen, weil er die Armee widerrechtlich mit Bier belieferte. Eine Verurteilung zu neun Monaten Haft wurde jedoch vom Obersten Gerichtshof aufgehoben.
Nach Kriegsende war Josef Kranz wirtschaftlich vom Pech verfolgt. 1927 kam ein Teil seiner Kunstsammlung unter den Hammer, um Schulden zu tilgen. Bald war Josef Kranz so arg in finanzielle Schieflage geraten, dass er gezwungen war, im Mai 1933 die Inneneinrichtung seines Hauses zu versteigern. Wenige Monate später sollte schliesslich auch das Palais unter den Hammer kommen. Die Auktion vom 10. Januar 1934 war jedoch ein Misserfolg – niemand interessierte sich für das Objekt. Josef Kranz verstarb nur acht Monate später, am 14. September 1934, im Alter von 71 Jahren.
