Dünn, dünn ist die Leopoldin

Carl Michael Ziehrer – Die drei Wünsche


Meine Frau war die „Dine“, die Leopoldine,
Die hat eine wahrhaft bezaubernde Miene,
Die Augen wie Kohlen, wie Kirschen der Mund,
Das G’sichterl recht freundlich, voll Grieberl und rund,
Die Waderln recht stramm, die Fusserl so klein,
Die Handerl sauber, schlank und fein.
Zum Anbeissen lieb sah wirklich sie aus,
Nur eines, ich mach‘ kein Geheimnis daraus: 

So dünn, dünn war die Leopoldin.
Dünn, dünn, wie a Bleistift so dünn.
Wie die Zündhölzer, wie die Stricknadeln,
Wie die Spinnweben, wie zum Einfadeln,
Wie die Zwirnsfaderln dünn war die Leopoldin.
Ja dünn, dünn… (Refrain wiederholt) 

Als wir zu der Kirche uns hinführen liessen,
Um dort für das Leben den Bund zu beschliessen,
Befiel bei der Ankunft uns alle ein Schreck:
Die Braut war verschwunden, die Braut, sie war weg!
Wir suchten hin, wir suchten her,
Der Platz, wo sie sass, der Platz, der war leer.
Da plötzlich, entsetzlich, da rührt sich was drin.
Wer stürtzt aus dem Wagen? – Die Leopoldin! 

So dünn, dünn…

Trotzdem sie so dünn war, die Leopoldine,
Hat sie eine Kraft g’habt wie eine Maschine.
Zu seh’n war sie ohne Fernrohr nur schwer,
Dafür aber spürte ich sie umso mehr.
Die Handerl klein und gustios,
Die konnten kratzen – grandios!
Die Fusserl so reizend, von zierlichem Mass,
Wenn die wo hintraten, da wuchs lang kein Gras.

Trotzdem:

So dünn, dünn…