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Carl Michael Ziehrer (1843-1922)



 

"Wenn als Wiener du geboren,
hast du Glück g'habt in der Tat.
Hast als Heimat du erkoren
eine wunderschöne Stadt"

(aus ''Der Fremdenführer')


 

In den 50er und 60er Jahren des 18. Jahrhunderts hatten in Wien eindeutig die Strauss-Brüder das Geschäft mit der Tanzmusik in der Hand. Nachdem Johann, der seit den 40er Jahren wirkte, immer erfolgreicher geworden war, folgten ihm Josef und Eduard. In allen namhaften Etablissements und Tanzlokalen traten die drei auf, und ihre Kapelle führte die Wiener Musikszene an. Allfällige Konkurrenten konnten sich nicht durchsetzen gegen das Orchester: Philipp Fahrbach Sen. versuchte, ein ebenbürtiges Orchester zu etablieren, musste jedoch bereits 1854 aufgeben und wechselte zur Militärmusik. Auch Joseph Gungl und Béla Kéler, die sich in Wien niederlassen wollten, konnten sich gegen die Strauss-Kapelle nicht durchsetzen. Für diese schien es keine ernstzunehmende Konkurrenz zu geben.

Der Verleger von Strauss, Carl Haslinger, jedoch hatte seine Befürchtungen: Johann Strauss‘ Gesundheit war angeschlagen, und es bestand die Gefahr, dass seine Leistungen nachlassen würden. Seine Ärzte untersagten ihm zudem das Arbeiten. Haslinger glaubte, dass der zwar überaus begabte, aber kaum publikumswirksame Josef Strauss seinen Bruder Johann nicht ersetzen könne. Genauso wenig wie der junge Eduard, welchem es an Erfahrung mangelte. Es kam hinzu, dass zwischen Johann Strauss und Carl Haslinger eine ungesunde Spannung herrschte, welche aus einer Unstimmigkeit bezüglich Abrechnung des Honorars entstanden war. Haslinger witterte das Unheil.

 


Eine 13-minütige Sammlung von
Ziehrer-Melodien (Klavier)

In dieser verheissungsvollen Situation vernahm Haslinger, dass in der Wiener Gesellschaft und zwar vorwiegend bei den wohlsituierten und musikverständigen Fabrikanten in den westlichen Vorstädten Wiens ein junger Klavierspieler unterwegs war, welcher die aktuelle Musik und auch eigene Stücke vortrug. Haslinger wollte mehr wissen über das junge Talent, welches zu dem Zeitpunkt gerade mal 19 Jahre alt war. Es war Carl Michael Ziehrer, der Sohn eines wohlhabenden Hutmachers, im Haus an der heutigen Westbahnstrasse Nummer 4 geboren am 2. Mai 1843, kurz nach dem Tod des Walzervaters Joseph Lanner. „Michi“ erlernte von seinem Vater das Hutmacherhandwerk und schuf dabei gängige Kreationen, jedoch mit besonderer Sorgfalt.

Von ebenso guter Qualität waren seine musikalischen Vorträge, welche er des öfteren Abends an Gesellschaftsanlässen auftrug wie beispielsweise in der Wirtschaft "zum goldenen Rössel", damals Kettenbrückengasse 19. Carl Haslinger wurde immer neugieriger und nahm deswegen an den Anlässen teil, an denen Ziehrer musizierte.

Eine weiterer Grund für Haslingers wachsendes Interesse war die Tatsache, dass der damals äusserst namhafte wiener Musiker Adolf Müller bereits einige Motive Ziehrers für eine Orchesterbesetzung verfasst und für die Tanzmusik tauglich gemacht hatte. Haslinger war begeistert von Ziehrers Art, seine Musik vorzutragen. Er schien seine beschwingten Melodien nur so aus seinen Ärmeln zu schütteln. Der erfahrene Verleger hatte keinen Zweifel mehr, dass Ziehrer einer der ganz grossen werden würde, der bis über die Landesgrenzen hinaus bekannt sein wird. Haslinger überlegte sich, wie er den jungen Ziehrer ins Walzergeschäft integrieren könnte. Er war sich sehr wohl bewusst, dass sein künftiger Schützling bis auf den Klavierunterricht bei Simon Sechter, finanziert von seinem Vater, keine weitere musikalische Ausbildung erhielt, weder im Musizieren noch im Komponieren. Haslinger engagierte Professor Johann Emmerich Hasel, welcher Ziehrer das Dirigieren und Komponieren beibringen sollte. Ziehrers Vater jedoch war von der Idee wenig begeistert und erlaubte seinem Sohn nicht, sich weiterbilden zu lassen.

Eines Tages erhielt Carl Michael Ziehrer eine schriftliche Einladung zu einem Diner im Hause Haslingers. Bei Haslinger eingetroffen, fand Ziehrer einen erlauchten Kreis von hohen Leuten vor. Anwesend waren neben Haslinger keine Geringeren als Franz Liszt, Richard Wagner, Johann von Herbeck und Prinz Leopold von Sachsen-Coburg mit seiner Frau Constanze geborene Geiger, eine seinerzeit gefeierte Komponistin und Schauspielerin in Wien und enge Freundin von Johann Strauss. Höchst aufgeregt wurde Ziehrer von den Gästen bald zum Vorpielen aufgefordert und erntete grosses Lob von der Runde. Haslinger ermöglichte dem jungen Pianisten weiter zu lernen und verlegte fortan seine Kompositionen.
 

Als Johann Strauss im Sommer 1863 wieder im russischen Pawlowsk weilte und Konzerte gab, spitzte sich die kritische Lage zwischen der Strauss-Familie und Haslinger weiter zu. Carl Haslinger und seine Gemahlin Josephine entschieden sich, das Vertragsverhältnis mit der „Firma Strauss“ aufzulösen und sich nun ganz auf den jungen Carl Michael Ziehrer zu konzentrieren. Im Herbst desselben Jahres stellte Haslinger Ziehrer der Öffentlichkeit vor, riesige Plakate verkündeten den ersten grossen Auftritt des Walzerneulings. Am 21. November 1863 gab Ziehrer sein erstes Konzert im Dianabadsaal. Das Publikum war von ihm angetan und fand grossen Gefallen an seinen Kompositionen, auch wenn sie vorerst denjenigen der Strauss-Familie nicht das Wasser reichen konnten.

Einige wichtige Wiener Tagblätter liessen hervorragende Kritiken verlauten, was dem Komponisten natürlich sehr gelegen kam. Auch künftig trat Ziehrer  in den Dianasälen auf, wo ebenfalls die Strauss-Kapelle regelmässig gastierte. Ein kleiner Wehrmutstropfen dürfte die Tatsache gewesen sein, dass das Publikum bei Ziehrers Anlässen vermehrt mittelständisch war und gelegentlich zu weniger feinen Exzessen aufgelegt war. Die Strauss-Brüder hingegen traten fast nur an Gesellschaftsbällen mit Gästen aus der oberen Bevölkerungsschicht auf. Im Frühjahr 1865 wurde Ziehrer schliesslich in die Blumensäle der Wiener Gartenbaugesellschaft engagiert, wo er Ballregent wurde und einige erfolgreiche Neukompositionen zur Uraufführung brachte.

 

 

Als im November 1867 das Arbeiter-Bildungswerk gegründet wurde, ernannte man Ziehrer zu dessen Kapellmeister. Fortan spielte er an den Arbeiterbällen auf. Zudem hat Carl Haslinger es arrangiert, dass Ziehrer die musikalische Leitung der jährlichen Katharinen-Redouten in den k.u.k. Redoutensälen der Hofburg übernehmen konnte. Die Katharinen-Redouten waren sehr gefragte Nobelanlässe, was Ziehrer einen ordentlichen Schritt weiterbrachte in seiner Karriere. Nebenbei hatte er die Gelegenheit, in den wichtigsten Lokalen der Kaiserstadt aufzuspielen und auch Konzerte in Baden bei Wien, Graz und Budapest zu geben.

Nicht alles in jener Zeit war erfreulich für Ziehrer. Sein Förderer Emmerich Hasel pfuschte dem Komponisten immer öfter ins Handwerk, stellte sich an dessen Dirigierpult und liess unter dem Namen Ziehrer eigene Kompositionen drucken. Haslinger dürfte dies bekannt gewesen sein, aber wird darüber hinweg gesehen haben, da er sich ja noch immer erhoffte, mit Hilfe Hasels den Ziehrer zum „neuen Strauss“ zu machen. als dann Ziehrer begann, sich von Hasel zu distanzieren und gänzlich eigenständig zu werden, geschah es, dass diese zweifelhaften Vorfälle mit Hasel zum Gesprächsthema unter der Wiener Bevölkerung wurden und Ziehrers Reputation schadeten. Und dann war da noch Jetty Strauss geb. Treffz, die Frau Johann Strauss‘, welche sich gegen Ziehrer und Haslinger auflehnte. In einem Brief an einen Freund in Berlin schrieb sie im Jahre 1865 folgende Sätze:

„Haslinger-Ziehrer Firma ist ganz im Erbleiben, soviel auch der gute dicke Carl [Haslinger] arbeitet und par Force erreichen möchte, wozu nur eine Kleinigkeit gehört – Talent! Das hat aber der gute Ziehrer nicht, und so hilft alles nichts. die lächerlichsten Geschichten passieren, ja sogar Beweise hat man in den Händen, dass Ziehrer selbst diesen Schmarren, den er mit seinem Namen im Druck erscheinen lässt, nicht selbst arbeitet; doch es wäre schade um jedes Wort, er bricht sich selbst das Genick durch seine Talentlosigkeit.“ (Andere Quellen behaupten, diese Worte hätte Johann Strauss selbst geschrieben.) Jetty spricht hier jedoch ausschliesslich von den Einzelfällen, in denen Hasel seine Werke in Ziehrers Namen herausgegeben hat, wobei Ziehrer keinerlei Schuld trifft. Sehr intelligent schien Jetty nicht gewesen zu sein, denn durch ihre bösen Worte liess sie ungewollt puren Neid und Missgunst verlauten, denn hätte sie sich nur ein wenig dabei überlegt, hätte sie sich eingestehen müssen, dass Ziehrer ein aussergewöhnlich begabter Musiker war. Aber sie musste schliesslich Partei für ihren Mann und dessen Brüder ergreifen. Zu Ziehrers Verdruss erholte sich Johann Strauss von seiner Schwächephase, und seine beiden Brüder begannen in den kommenden Jahren, eine Vielzahl von grossartigen Meisterwerken zu schreiben, worunter die noch heute berühmtesten Walzer und Polkas sich befanden. Ziehrer hatte keine Chance, sich mit seinen Werken neben denjenigen der Strauss-Brüder zu behaupten.

Man muss an dieser Stelle jedoch bemerken, dass Ziehrer sich in manchen Belangen an Johann Strauss heimlich ein Beispiel nahm, ja er schätzte ihn sehr hoch. Das äusserte sich zeitweilig nicht nur daran, dass er ihn optisch nachahmte, sondern auch an der deutlichen Inspiration an gewissen Melodienfolgen von Strauss. In einigen Ziehrer-Walzern sind Anlehnungen an Themen des Walzerkönigs auszumachen. Es gibt sogar einen Fall, bei dem Ziehrer Plagiarismus vorgeworfen wird - und das nicht ganz zu Unrecht. Es geht dabei um Johann Strauss’ Opus 209, den Walzer "Spiralen" aus dem Jahr 1858. Ziehrer fand Gefallen an der Komposition und verwendete darauf das Hauptthema des Walzers leicht abgewandelt und mit veränderter Fortführung für ein Operettenlied.

An den Theatern wurde dieses jedoch abgelehnt. Dann übernahm Ziehrer das Walzerthema für die Arie "Sei gepriesen, du lauschige Nacht" aus seiner erfolgreichsten Operette "Die Landstreicher". Noch heute ist das Lied eine der berühmtesten Melodien Ziehrers. Da die Uraufführung der Operette drei Wochen nach Johann Strauss’ Tod stattfand, erlaubte sich Ziehrer, die Melodie gänzlich als seine eigene Erfindung auszugeben. Der Bühnenbildner des k.u.k. Hofoperntheaters, Franz Gaul, bemerkte das Plagiat und protestierte mit einem gesalzenen Brief gegen den Melodienklau. Ziehrer reagierte nicht darauf, sondern genoss den Ruhm, der ihm nach dem Erfolg seiner Operette zuteil wurde. Ganz Wien sang zu der unvergesslichen Ziehrer-Melodie, deren Anfangstakte auf Strauss zurückgehen. Die "Spiralen" hingegen verstaubten in den Archiven.
 

Ein folgenreicher Zeitpunkt ist gekommen, als Carl Haslinger an Weihnachten 1868 plötzlich an einem Schlaganfall starb. Ziehrers Zeit schien zuende, denn ohne Haslinger konnte er sich in Wien nicht mehr behaupten, und er entliess seine Musiker. Der Zufall wollte es jedoch, dass genau zu dieser Zeit das Infanterie-Regiment Nr.55 von Graf Gondrecourt nach Wien verlegt wurde. Dessen Regimentskapelle war auf der Suche nach einem Dirigenten, wofür keiner besser geeignet gewesen wäre als Ziehrer. Nun spielte er mit seiner Militärkapelle in denselben Lokalen auf wie zuvor mit seiner Zivilkapelle. Erst recht wurde er nun von der Bevölkerung gefeiert. Dass Ziehrer nun gänzlich selbständig komponierte ohne das Zutun von Hasel, bewies er nun mit einigen sehr gefälligen Werken, welche jedoch noch nicht so populär wie erwünscht geworden sind.

Als im Jahre 1873 die Vorbereitungen für die grosse Wiener Weltausstellung im Prater begannen, sah Ziehrer darin eine Chance, wieder mit einer Zivilkapelle auf die Bühnen zurückzukehren. Die Organisation der Weltausstellung jedoch geriet noch vor deren Eröffnung in einen wirtschaftspolitischen Streit. Zudem verwandelte ausgiebiger Regen das Pratergelände in eine knietiefe Sumpflandschaft. Als Folge davon blieb der Besucherstrom sowohl an der Ausstellung als auch an den damit verbundenen Veranstaltungen aus.

Es entstand ein grosses finanzielles Defizit für die Ausstellung und für die Wirte, deren Kassen ebenfalls leer blieben. Auch Ziehrer hatte dabei mit seiner Zivilkapelle das vollkommene Nachsehen und wurde wiederum Kapellmeister und zwar diesmal beim Infanterie-Regiment Nr.76 unter Freiherr von John. Die Militärkapelle war sehr wohl mit Spitzenmusikern besetzt, konnte sich aber dennoch in die Herzen des Publikums spielen, was zahlreiche Zeitungsberichte bestätigen. Nebenbei gründete er die „Deutsche Musikzeitung“, eine der wichtigsten Quellen für Musik im späteren 19. Jahrhundert. In der Zeit startete Ziehrer auch seinen ersten Versuch, den Weg auf die Bühne zu finden. Zusammen mit Richard Genée und Max von Weinzierl schrieb er die Musik zu der Burleske „Cleopatra oder durch drei Jahrtausende“.

Die Premiere fand am 13. November 1875 im Ringtheater statt, war aber nicht erfolgreich. Auch seine erste eigene Operette „König Jérôme oder immer lustick“, welche drei Jahre später am 28. November 1878 ebenfalls im Ringtheater uraufgeführt wurde, war nicht erfolgreicher und wurde bald wieder abgesetzt. Ziehrer hat zu diesem Zeitpunkt die Kapelle des Infaterie-Regiments Nr.76 bereits wieder verlassen, denn es bot sich ihm die einmalige Gelegenheit, die Strauss-Kapelle zu übernehmen. Eduard, der diese bisher geführt hatte, war von nun an auf ausgiebigen Kunstreisen, wozu er ein Orchester benötigte, deren Mitglieder es gewohnt waren, lange und oft unterwegs zu sein. Die Musiker der Strauss-Kapelle waren zu dieser Umstellung jedoch nicht bereit, sondern wollten in Wien bleiben und da weiterhin wirken. So boten sie Ziehrer die Leitung ihrer Konzerte an.
 

Eduard war darob sehr erbost und trat vor die Behörde, auf dass man Ziehrer verbiete, mit der Kapelle unter strauss’schem Namen aufzutreten. Man kam Eduards Willen nach, und das Orchester wurde in Kapelle Ziehrer umbenannt. Lange konnte sich das Ensemble jedoch nicht behaupten, worauf Ziehrer dessen Leitung dem aufstrebenden Wiener Musiker Karl Kratzl übergab. Ziehrer unternahm nun längere Konzertreisen. Im Sommer 1879 gastierte er in Rumänien und erhielt den Titel des Königlich Rumänischen Hofkapellmeisters. In Wien wurde dieser Titel erst am 2. Februar 1880 anerkannt.

In Wien machte Ziehrer erst im Jahre 1881 wieder von sich reden, als das Carltheater plante, die komische Operette „Wiener Kinder“ aufzuführen, deren Musik aus Ziehrers Hand stammt. Die Premiere am 19. Februar 1881 war sehr viel versprechend, aber dennoch wurde die Operette schon bald wieder abgesetzt. Mit Enttäuschung kehrte Ziehrer erneut nach Berlin zurück, wo er sich zuvor aufgehalten hatte. Ziehrer schien in Wien vorerst vergessen. In Berlin übernahm er die Kapelle der Reichshallen und agierte als Variété-Dirigent. Er arbeitete mit der in Linz aufgewachsenen Marianne Edelmann zusammen, welche er am 1. September 1888 heiraten wird.

Zurück in Wien übernahm Ziehrer das Amt des Kapellmeisters beim Regiment des Freiherrn von Knebel und danach dasjenige beim Regiment Freiherr von Gondrecourts. Das Jahr 1883 sollte eine grosse Wende in Ziehrers Musikerlaufbahn bringen. Am 15. September genannten Jahres erschien in den Wiener Zeitungen nämlich eine Annonce, in der das Wiener Hausregiment Nr.4, die Hoch- und Deutschmeister, die Stelle eines Kapellmeisters ausschrieb. Es ist nicht bekannt, ob Ziehrer sich dafür beworben hat. Jedenfalls erhielt die Stelle der ausgezeichnete Musiker Heinrich Strobl, bisheriger Kapellmeister des Infanterie-Regiments Nr.29. Kurz nachdem Strobl von Temeschburg (rumän. Timisoara) nach Wien übersiedelt war, um die Stelle anzutreten, verstarb er jedoch unerwartet.

Die Stelle wurde erneut ausgeschrieben und lautete wie folgt: „Infolge Ableben des Kapellmeisters ist die Kapellmeisterstelle im IR 4 erledigt. Bewerber wollen ihre mit Zeugnissen belegten Gesuche bis 15. Mai I. J. dem Regimentskommando einsenden. Diesmal war es der mittlerweile 42 Jahre alte Ziehrer, welcher für die Stelle auserkoren wurde. Es stand ihm nun eine viel versprechende Zukunft bevor, denn die Strauss-Ära war so gut wie vorüber. Johann schrieb fast nur noch Operetten, Josef war bereits 1870 verstorben, und Eduard war meist auf Konzertreisen. In Wien führten nun die Militärkapellen das Musikleben an. Ziehrer trat nun also mit seinen Hoch- und Deutschmeistern auf. Konzertreisen führten in nach Osteuropa, nach Konstantinopel, Bukarest. Dort wurde Ziehrer von König Karl zum rumänischen Hofkapellmeister ernannt.
 

Ohne Anlaufzeit hatte er die Herzen der Wiener erobert, denn mit der Kapelle entfaltete er seine ganze künstlerische Begabung und schuf eine Serie von Meisterwerken, wie sie Wien seit den Strauss-Brüdern nicht gesehen hat. So echt wienerisch das Blut in Ziehrers Adern war, so echt wienerisch war seine Musik! Er schien auf einmal eine über Jahre hinweg angestaute Fülle an Einfällen zu entfalten, und seiner Hand entsprangen die schönsten Walzer, Polkas und Märsche. Ganz Wien schien in Ziehrers Musik zu leben, und überall, wo er mit seinen Hoch- und Deutschmeistern auftrat, waren die Säle bis auf den letzten Platz ausgebucht. Und als er begann, im Ronacher Sonntagskonzerte zu geben, konnte er sogar problemlos neben Eduard Strauss und seinem Orchester bestehen, welcher zur gleichen Zeit die traditionellen sonntäglichen Konzerte im Goldenen Saal des Musikvereins gab.

Bewusst wählte Ziehrer urtümliche Musik, die eher volksnah und zeitgenössisch war und hatte damit grossen Erfolg. Eduard hingegen wurde sogar von seinem Bruder Johann zurechtgewiesen, er solle doch nicht immer so „gehobene Unterhaltungsmusik“ spielen und er solle sich an Ziehrer ein Beispiel nehmen! Die Ziehrer-Musik wurde nun automatisch in der ganzen Welt bekannt. Am 12. Februar 1890 (auf den Tag genau 88 Jahre vor dem Geburtstag des Webmasters) spielte Ziehrer mit seinem Orchester beim ersten Rathausball seinen Walzer „Wiener Bürger“. Damit triumphierte er erstmals über Johann Strauss, welcher mit seinem Walzer „Rathausball-Tänze“ nicht dieselbe grosse Gunst des Publikums erhielt wie Ziehrer.

 
 


Grab auf dem Zentralfriedhof

Im Jahre 1888 gastierte Ziehrer in München und sorgte auch da für ausgebuchte Räumlichkeiten. 1893 reiste er mit seinen Hoch- und Deutschmeistern auf der "Bismarck" nach Amerika an die Chicagoer Weltausstellung. Ziehrer litt an Seekrankheit und komponierte aus diesem Anlass die neckische Polka "Lieber Bismarck, schaukle nicht". Gemäss allerhöchster Erlaubnis durfte sein Orchester in Amerika sogar in Uniform auftreten. Der Erfolg war grandios, was Ziehrer veranlasste, seinen Aufenthalt in Amerika zu verlängern und eine kleine Konzerttournee zu unternehmen. In Utah beispielsweise wurde sein Potpourri "Traum eines Reservisten" von einer Schar Mormoninnen stürmisch bejubelt.

Ziehrers eigenmächtige Aufenthaltsverlängerung war allerdings ein Fehler, denn dadurch überschritt er seinen offiziellen Urlaub. Der Militärvorstand setze Ziehrer in Wien ab, noch bevor er dahin zurückkehrte. Als er in Wien eintraf, fand er an seiner Stelle den Musiker Wilhelm Wacek. Ziehrer stand im ersten Moment unter Schock. Besonders enttäuschend war, dass Anton Freiherr von Schönfeld selber, dem Ziehrer den heute weltberühmten Schönfeld-Marsch gewidmet hatte, gegen ihn gestimmt hat. Ohnehin hatte der Komponist die Freude am Militärkapellmeister-Dasein bereits zuvor verloren aufgrund einiger unangenehmer Erlebnisse und Ablehnung einiger neuer vorgestellter Werke.

ziehrer_tafel_rochusmarkt.jpg
Gedenktafel am Rochusmarkt

Ziehrer liess sich jedoch nicht entmutigen, gründete eine neue Zivilkapelle und trat nun erst recht in Wien auf. Nun versuchte sich Ziehrer erneut im Komponieren von Operetten. Er gab auch nicht auf, nachdem seine Operette „Ein Deutschmeister“ im Jahre 1888 im Carl-Theater keinen Erfolg hatte. Eine weitere Operette entstand in Zusammenarbeit mit Gabor Steiner: „Die Landstreicher“ mit ihrer Uraufführung am 29. Juni 1899 war eine Sensation. Auch die darauf folgenden Bühnenwerke fanden grossen Anklang. Ziehrer hat es nun also geschafft, Operettenkomponist zu werden, quasi als Nachfolger von Johann Strauss und Carl Millöcker, welche beide im selben Jahr verstorben sind.

Der absolute Höhepunkt in Ziehrers Karriere erfolgte 1907, als er nach Johann Strauss Vater, Johann Strauss Sohn und Eduard Strauss zum vierten (und letzten) k.u.k. Hofballmusikdirektor ernannt wurde. Das anspruchsvolle und strenge Amt wurde dem 64-Jährigen vom Kaiser erleichtert, indem dieser ihm erlaubte, während des Dirigierens auf die Uniform zu verzichten. Lange konnte Ziehrer sein neues Amt freilich nicht ausüben, da schon bald der Erste Weltkrieg entbrannte und in seinen Wirren die Donaumonarchie ihren Untergang erlebte.

Das Schicksal Ziehrers war besiegelt. Er verlor durch den Krieg sein ganzes Vermögen "Der rote, goldgestickte Frack und der Zweispitz des Hofballmusikdirektors waren zum Mottenfrass geworden", schrieb die "Neue Freie Presse" in Ziehrers Nachruf. Dieser verlebte seine letzten Lebensjahre als gebrochener und nahezu vergessener Mann in Wien, bis er am 14. November 1922 für immer seine Augen schloss. In einem rührenden Nachruf fand der damalige Bürgermeister Jakob Reumann aufrichtige Worte: "Ziehrer hat in hohem Masse beigetragen, Wiens musikalischen Ruhm in der ganzen Welt zu sichern und zu heben; wir bleiben ihm, dem echten Sohn unserer Stadt, für alle Zeiten dankbar für das, was er als Künsler und Meister geleistet hat."
Carl Michael Ziehrer ruht auf dem Zentralfriedhof in einem Ehrengrab neben seiner treuen Ehefrau Marianne.

Ziehrers musikalisches Erbe ist sehr reichhaltig und wertvoll. Neben seinen 23 Operetten hinterliess er rund 600 Walzer, Polkas und Märsche. Viele davon erklingen noch heute und muten wienerischer an als mancher Strauss-Walzer. Ziehrer war unbestritten einer der führenden Schöpfer beschwingter Tanzmusik.

Seine Werke


 


 

 

 

Gemälde Ziehrers von Johann Michael Kupfer um 1895
 

Gedenktafel am Haus Westbahnstrasse 4

Der Flügel Ziehrers
 

Ziehrer-Denkmal im Prater
 

 

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